Fast eine Million Menschen waren im vergangenen Jahr in Deutschland als Leiharbeiter beschäftigt – so viele wie noch nie. Für die Betroffenen hat das viele Nachteile, das beschäftigt auch den Bundestag. Das ist Ausbeutung und Sklaverei in einer Industriegesellschaft. Eine Lebensplanung ist, gerade auch für junge Menschen, unter solchen Umständen nicht möglich. Gewinner sind Unternehmen und der Blick auf Aktienkurse vernebelt den Blick auf soziale Verantwortung, sofern sie in den Unternehmen überhaupt noch vorhanden ist.

Die Zahl der Leiharbeiter erreicht in Deutschland einen neuen Höchststand. 2015 waren insgesamt 961.000 Menschen als Leiharbeiter beschäftigt, mehr als je zuvor. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken hervor.

Das könnte am Donnerstag auch im Bundestag Thema werden. Dann wird im Rahmen der Haushaltsberatungen der Etat des Bundesarbeitsministeriums von Andrea Nahles (SPD) debattiert. Voraussichtlich noch im September sollen die parlamentarischen Beratungen eines Gesetzentwurfs von Nahles zur Eindämmung von Missbrauch bei Leiharbeit und Werkverträgen beginnen.

Leiharbeit ist umstritten. Unternehmen und Konzerne loben sie: Die Leiharbeit ermögliche ihnen, flexibel auf Auftragsschwankungen reagieren zu können. So musste der VW-Konzern bislang trotz Abgasskandal keine Mitarbeiter entlassen –gehen mussten aber viele Leiharbeiter. Die Arbeitgeber argumentieren, ohne Leiharbeit würden sie insgesamt weniger Menschen beschäftigen, weil sie sich von Festangestellten in einer Krise nur schwieriger wieder trennen könnten. Gewerkschaften und Linke kritisieren dagegen scharf, dass Leih- und Zeitarbeiter deutlich weniger verdienen, als Festangestellte.

Leiharbeiter verdienen weniger

Die Zahl der Leih- und Zeitarbeiter war 2015 im Vergleich zum Vorjahr um 50.000 angestiegen. In den Jahren davor schwankten die Zahlen zwischen 610.000 und 910.000. Das mittlere Bruttogehalt von Leiharbeitnehmern lag nach den jüngsten Zahlen bei 1700 Euro – und somit deutlich unter dem Gehalt anderer Beschäftigter. „Im Vergleich dazu lag das Medianentgelt bei allen sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten bei 2.960 Euro“, so die Regierung.

Fast zwei von drei Leiharbeitern arbeiteten zuletzt zu besonders niedrigen Löhnen. Sie lagen unter der Niedriglohnschwelle von rund 1970 Euro, also unter dem Lohn, der zwei Drittel des mittleren Gehalts der Beschäftigten insgesamt beträgt. 5,7 Prozent der Leiharbeitnehmer haben Anspruch auf ergänzende Leistungen und stocken ihr Gehalt mit Hartz IV auf. Nur jedes vierte Leiharbeitsverhältnis besteht neun Monate oder länger. 15 Prozent dauern 15 Monate, 12 Prozent über 18 Monate.

Schwerpunkt Metall- und Elektroindustrie

Verbreitet ist Leiharbeit vor allem im Maschinen- und Fahrzeugbau. Insgesamt beschäftigte die Metall- und Elektroindustrie mit 36 Prozent die meisten Leiharbeitskräfte gemessen an allen Leiharbeitern. Allein im Maschinenbau sind 11 Prozent aller Leiharbeiter beschäftigt, im Fahrzeugbau 10 Prozent.

Der Linken-Politiker Klaus Ernst sagte, in Betrieben habe sich ein „Zweiklassensystem etabliert.“ Er warf Nahles vor, ihre geplante Reform diene nicht im Ansatz dem Schutz der Leiharbeitnehmer. Er befürchtet, dass trotz Reform zu wenige von der besseren Entlohnung profitieren würden. Nahles streue „den Betroffenen nur Sand in die Augen“.“

Der Entwurf sieht vor, dass Leih- oder Zeitarbeitnehmer künftig nach neun Monaten genauso wie die Stammbelegschaften bezahlt werden. Sie sollen längstens 18 Monate in demselben Betrieb arbeiten dürfen, ohne von diesem übernommen zu werden. Abweichungen per Tarifvertrag sollen möglich bleiben, auch für nicht tarifgebundene Unternehmen der betreffenden Branche.

Quelle: Deutschland: Zahl der Leiharbeiter erreicht Höchststand – SPIEGEL ONLINE

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